Point de vue

 

Schweiz 1992

 
 
Point de vue

Regie: Bernhard Lehner, Andres Pfaeffli
Drehbuch: Bernhard Lehner, Andres Pfaeffli
Kamera: Bernhard Lehner
Schnitt: Bernhard Lehner
Musik: Konrad Wittmer
Ton: Konrad Wittmer
Mit: Helmut Gernsheim
 
16mm - sw/Farbe - 60 Minuten
E/D/F/ deutsche Untertitel

   
 

Was Nicéphore Niépce alles mit seinen Augen erblickt haben mag, wenn er am Fenster stand, im Arbeitszimmer seines stattlichen Landhauses in Saint-Loup-de-Varennes, das wissen wir nicht. Augenblicke vergehen. Vielleicht beobachtete er eine Magd, die gerade Wäsche von der Leine nahm, einen Stallburschen, der das Pferd vor den Wagen spannte, einen Bauern, der etwas entfernt auf einer hohen Leiter balancierte und eine Frucht nach der andern vom Birnbaum pflückte und sorgsam in den Hängekratten legte. Vielleicht aber suchte er nur die Ferne, den Horizont.
Einen seiner Blicke glauben wir zu kennen. Nicéphore Niépce hat ihn nämlich festgehalten mit der ersten Fotografie der Welt, die er im Jahre 1827 aus dem Fenster seines Arbeitszimmers heraus aufgenommen hatte: Die erste Fotografie der Welt registriert also einen Hausteil, das Dach einer Scheune, einen Turm; im Hintergrund glaubt man einen Baum zu erkennen. Diese Fotografie ist heute das wertvollste Stück der ,Photography Collection' der University of Texas. Aber von blossem Auge betrachtet zeigt dieses Bild gar nichts: Es ist zu schwach belichtet. Nur durch die Möglichkeiten der modernen Fototechnik konnten die feinen Bildspuren verstärkt und so sichtbar gemacht werden. Neben der Technik half auch die Intuition des Retoucheurs mit, aus dem Bild, das gar nichts zeigt, ein Bild zu gewinnen, das uns etwas zeigt, was uns aber eigentlich nichts sagt: eine unspektakuläre Hinterhofszene, einen ,zufälligen' Blick aus einem Fenster eben.
Der Film zeigt die Geschichte dieses Bildes, wie es vom französischen Dörfchen Saint-Loup-de-Varennes in die texanische Hauptstadt Austin gelangte. Analog zu dieser Reise durch die Zeit und um die halbe Welt werden Fragen zur Entwicklung der Fotografie als Medium gestellt, auf die durch den Text ,,Abenteuer eines Fotografen" von Italo Calvino verblüffende Antworten gegeben werden.
Eine letzte Frage aber bleibt: Was wird aus einem flüchtigen Blick aus einem Fenster, wenn er für alle Zeiten festgehalten werden kann?

   
 

«Ausgehend vom Foto und ihrem Finder haben die Autoren ein filmisches Essay gestaltet, in dem sie nicht nur die Geschichte des Bildes rekonstruieren, sie lassen uns mit subtilen Irritationen auch über das Abenteuer Fotografie und die Wahrnehmung von Bildern überhaupt nachdenken.» Tages-Anzeiger
 
«Der Film fesselt durch die gründliche Darstellung, mit der die Geschichte der Wiederentdeckung der ,ersten Photographie der Welt' durch den Photo graphiehistoriker Helmut Gernsheim dokumentiert wird. Dabei formuliert der Film interessante Thesen zur Photographie, die wichtige Denkanstösse für Photographierende vermitteln.» Neue Zürcher Zeitung
 
«Hier geht es um grundsätzliche Fragen der medialen Wahrnehmung und Aneignung von Wirklichkeit- und der Entwicklung photographischer Technologie bis zum heutigen elektronischen Bild.» CINEMA

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